Häftlingsnummer 50462: Authentischer Lebensbericht mit Erna de Vries in Dissen

„DU WIRST LEBEN UND DEN MENSCHEN ERZÄHLEN“

 

Georgsmarienhütte. Einen bewegenden und zugleich authentischen Unterricht in Sachen Vergangenheit erlebten die Schüler von fünf Klassen der Jahrgangsstufe 10 der Realschule und der Hauptschule in Dissen am Dienstagvormittag. Erna de Vries berichtete über die Judenverfolgung.

 

Erna de Vries erzählt seit rund 20 Jahren regelmäßig und vor allem in Schulen ihre Lebensgeschichte und über das Grauen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und im Konzentrationslager Ravensbrück. Als junge Frau überlebte Erna Korn, die heute de Vries heißt, die nationalsozialistische Judenvernichtung.

 

Dunkles Kapitel

Die heute 94-jährige Auschwitzüberlebende Erna de Vries ist auch nach Jahren nicht müde geworden, in Schulen ihre bewegende Lebensgeschichte zu erzählen und leistet damit einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen. Ihre mahnende Stimme wird über die Region hinaus gehört. Mit Erna de Vries werde „eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte lebendig, das die Schüler ansonsten nur aus Büchern und Filmen kennen“, schickte Schulleiter Jan Wessels der Veranstaltung voraus.

„Du wirst leben und den Menschen davon erzählen, was mit uns gemacht wurde.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich ihre Mutter Jeanette Korn 1943 von ihrer damals 19-jährigen Tochter in Todeslager Auschwitz, in das sie deportiert und mit der Häftlingsnummer 50462 zwanzig Monate verbrachte. Auschwitz war das größte von sechs Vernichtungslagern des Nazi-Regimes in Polen, in dem nach Schätzungen mehr als anderthalb Millionen Menschen ermordet wurden. Der Name Auschwitz ist zum Synonym für den industrialisierten Völkermord an den Juden geworden. Nur wenige haben die Vernichtungsstätte lebend verlassen.

Unaufgeregt und nur scheinbar emotionslos erzählt die betagte de Vries die dramatischen Ereignisse ihres Lebens unter dem NS-Regime mit erstaunlichen Detailreichtum: Von der zunächst unbeschwerten Kindheit in Kaiserslautern, von den Wirrungen und Diskriminierungen, die 1933 in ihr Leben traten, von Angst, Schrecken und Tod im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. 1923 in Kaiserslautern als einziges Kind einer Unternehmerfamilie geboren, verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Familie nach der Machtübernahme der NSDAP immer weiter, denn ihre Mutter war Jüdin und ihr Vater Protestant.

Nach der abstrusen Arithmetik der Nürnberger Gesetze von 1935 galt Tochter Erna de Vries fortan als Halbjüdin. In der Pogromnacht im November 1938 tobte sich ein aufgestachelter Mob auch im Haus der Familie Korn aus, zerschlug alle Möbel und hinterließ eine zerstörte Wohnung. 1943 schließlich folgte die Deportation von Saarbrücken in das Todeslager Auschwitz gemeinsam mit ihrer Mutter, die dort ermordet wurde.

Nach ihrer zwischenzeitlichen Deportation als Zwangsarbeiterin in das Konzentrationslager Ravensbrück wurde sie am 30. April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit.

 

Erinnerung wach halten

In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Osnabrück, der Gedenkstätte Gestapokeller, dem Kulturgeschichtlichen Museum und Felix-Nussbaum-Haus finden wiederholt Zeitzeugengespräche statt, um die Erinnerung wach zu halten. Die Auschwitz-Überlebende „will vor allem deutlich machen, dass ihre Geschichte nicht eine einzigartige sei, sondern Millionen teilten das Schicksal Erna de Vries“, machte Geschäftsführer Michael Gander eingangs deutlich.

Am Donnerstag, 2. November, schildert die betagte Zeitzeugin ihr bewegendes Schicksal den Besuchern der Berufsbildenden Schulen in Osnabrück-Haste.